ArbeitsweltPublishing

Das Problem mit der Null-Fehler-Toleranz

4 Min.
Christian Denzler | 20. September 2017

Etwas, dass uns die Amerikaner voraus haben, ist nicht nur, dass sie begriffen haben wie Innovation richtig funktioniert, sondern auch, dass es keine Null-Fehler bei Menschen geben kann. Die meisten Arbeiten nach dem «Trial-and-Error-Prinzip».

Versagen ist nicht gleich unqualifiziert

Das europäische Denken basiert stark darauf, dass ja keine Fehler passieren dürfen. Fehler sind schlecht und Menschen, die oft scheitern verpönt. Diese Haltung ignoriert aber einen relativ wichtigen und äusserst natürlichen Fakt: Der Mensch lernt durch Fehler. Es geht hier nicht um Flüchtigkeitsfehler oder vermeidbare Fehler, durch Prozessoptimierung. Es geht darum, dass man keine Angst davor haben darf zu scheitern. Wer sich andauernd vor einem Sturz fürchtet, der wird irgendwann nicht mehr klettern.

In Amerika ist es keine Schande, wenn man scheitert. Menschen, die Unternehmergeist zeigen und riskieren, dass sie auch mal umfallen, werden bewundert. Solange man wieder aufsteht und weitermacht, gilt es nicht als Versagen sondern als Lernen.

Europa muss noch viel lernen

Der alte Kontinent (wie passend) scheint in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts festzustecken. Unsere Firmen funktionieren oft noch nach demselben Muster. Fette Verwaltungsräte, die das Gro der Einnahmen einkassieren und «Untergebene», die in stieren 9-to-5-Mustern denken und arbeiten. Das trifft natürlich auch auf einen Grossteil der amerikanischen Firmen zu und nicht nur auf Europa. Wer es begriffen hat, ist das Silicon Valley. Das gute, kreative und vor allem innovative Köpfe Freiraum und so wenig wie möglich Regeln und Restriktionen brauchen, das begreifen noch massiv zu wenige in unseren Breitengraden. Eine einfache Wahrheit aus dem Silicon Valley (das Innovationszentrum der Welt) besagt: Innovation entsteht durch den freien, ungehemmten Austausch von Menschen auf kleinstem Raum. So funktionieren dort dann auch beinahe alle erfolgreichen Firmen. Demgegenüber stehen unsere europäischen Grossraumbüros wenn möglich noch auf mehrere Stöcke verteilt.

Wenn Europa nicht merkt, dass man sich von den alten Zöpfen und dem Industriedenken verabschieden muss, dann schauen wir schon sehr bald recht blöde aus der Wäsche.

Das streben nach Perfektion ist illusorisch

Eines müssen wir uns klar machen: Perfektion gibt es nicht. Menschen, die nach Perfektion streben, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht glücklich, da Perfektion von niemandem bemerkt wird. Die gute alte Polygrafen-Weisheit: «Qualität so gut wie nötig» trifft es genau. Wer begreift, wieviel Aufwand er betreiben muss um zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu gelangen, der wird Geld verdienen und ist massiv weniger burnoutgefährdet. Um Perfektion zu erreichen wendet man so viel Zeit, Energie und Nerven auf, die überhaupt nicht notwendig sind.

Durch Null-Toleranz vergrault man alles Gute

Null-Toleranz-Politik führt grundsätzlich nur zu einem: Mehr Fehlern und Geldverlust. Zum einen werden die Mitarbeiter so nervös, dass sie noch mehr Fehler machen und zum anderen vergeuden sie so viel Zeit mit dem Versuch perfekt zu sein und sich selber immer und immer wieder zu kontrollieren, dass sie kaum noch produktiv sind. Darüber hinaus wird man alle motivierten, innovativen und guten Mitarbeitenden vergraulen. In einer Firma, die keine gesunde Fehlerkultur hat, will nämlich kein Wissensarbeiter beschäftigt sein. Gerade beim Publishing und in der Online-Welt gilt die Arbeitsweise «Trial and Error». Etwas, was wir hier in Europa noch lernen müssen.


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