Digital-KulturPublishing

Opfer der Digitalisierung?

10 Min.

Als ich 2000 meine Lehre als Polygraf anfing, redete noch niemand direkt davon, dass die Druckindustrie durch digitale Medien zu Grabe getragen wird. Zwar gab es solche «Unkenrufe» schon erheblich länger aber daran glauben wollte noch niemand. Die Billigzeitung «20 Minuten» hatte ein Hoch und auch sonst fanden zu Papier gebrachte Erzeugnisse guten Absatz. Über 15 Jahre später müssen wir wohl sagen: Es waren keine Unkenrufe, sondern Visionen.

Schicksalsjahr 2007

Schon zu meinem Lehrbeginn war die Digitalisierung in vollem Gange. Das wurde grundsätzlich auch begrüsst. Dass Zeitungen und Bücher als Hauptmedium abgelöst werden, dachte aber niemand. Was die meisten nicht sahen: Bücher und Zeitungen waren nicht die Nummer 1, weil die Leute sie so toll fanden, sondern weil es an Alternativen fehlte.

2007 geschah etwas, was niemand geahnt hatte. Giganten wie Microsoft belächelten das Ganze sogar: Apple brachte das erste iPhone auf den Markt. Ein internetfähiges Telefon, dass Organizer, Adressbuch, Telefon, E-Mail, SMS und Information miteinander verband. Klar war das nicht neu. Nokia und Microsoft hatten das schon lange vor Apple versucht und sind kläglich gescheitert. Zum einen, weil die Zeit wohl noch nicht reif war und zum anderen, weil sie schlicht kein benutzerfreundliches Konzept hatten. Diese Konzeptlosigkeit kostete den damaligen Microsoft-Chef Steve Ballmer dann auch seinen Job.

Aus heutiger Sicht war das original iPhone eher bescheiden aber es ebnete den Weg für einen komplett neuen Markt: den der Smartphones. Plötzlich hatte man seine News immer im Sack und die Webportale der Zeitungen bekamen massiv mehr Gewicht, was zu weiteren Problemen führte, die ich hier aber nicht thematisieren möchte (to pay or not to pay z. B.).

Der nächste Dolch im Rücken der Analogdrucker

Kaum wurde durch Apple der Markt für Smartphones auf Kurs gebracht griff der Hightech-Pionier erneut an. Diesmal mit etwas, dass alle Hightech-Giganten von Microsoft bis HP oder IBM als «nicht mainstreamtauglich» abgetan hatten: dem Tablet-PC. Das Gerät, das niemand brauchte, fand reissend Absatz und schon bald zogen alle nach. Wir schreiben das Jahr 2010 und das iPad erobert unsere Wohnzimmer als klares «lean-back»-Gerät im Sturm. Nun konnten wir Bücher und Zeitungen lesen, ohne zig davon umherzutragen. Auch das Surfen im Internet war einfach, bequem und intuitiv.

Parallel dazu entwickelten sich die sozialen Medien immer mehr zu unverzichtbaren Instrumenten für Werbung und Kundenbindung. Waren sie vorher als kindliche Spielerei einiger Nerds abgetan worden, schaute nun jeder in die Röhre, der aussen vorblieb. Vor allem Facebook und Twitter waren aus der Werbung und dem Business kaum noch wegzudenken. Firmen bekamen direktes Feedback der Konsumenten und konnten ja mussten auf diesem Weg auch auf Kritik reagieren.

Web 2.0

Mit dem Fortschreiten der SocialMedia und einer immer stärker spürbaren Entwicklung hin zum Individualismus begannen wir nicht nur Inhalte zu konsumieren nein über Blogs, Webseiten, Facebook und die Kommentarfunktionen der Newsportale erstellten wir auch eigene Inhalte.

Wir sind total im digitalen Zeitalter angekommen. 2014 konsumierten 66% der Schweizer das Internet über ihr Smartphone/Tablet Tendenz steigend.

Die Cloud ist revolutionär

Schon 2007 begann mit dem Aufstieg der Dropbox das Zeitalter der Clouddienste. E-Mails gehörten zum Alltag und waren eher ein störendes Hintergrundrauschen als ein nützliches Medium. Vor allem das Austauschen von Dateien war mühsam. Dieser Gedanke war auch Initiant der Dropbox. Daten zentral ablegen und ohne müssige E-Mails austauschen. Dropbox lancierte einen Boom. Heute arbeiten wir ganz selbstverständlich mit GoogleDrive und wie mein Alltag ohne iCloud aussehen würde möchte ich mir nicht einmal vorstellen.

Auch wenn es noch Menschen gibt, die kritisch sind, kann man sagen: auch die Cloud ist im Mainstream angekommen. Viele nutzen sie wie ich im Daily Business und wollen sie nicht mehr missen.

Eine Branche erneuert sich

Spätestens jetzt hat auch die Druckindustrie begriffen, dass es ohne digital nicht mehr geht. Die digitale Welt ist nicht nur für unsere Kommunikation wichtig, sondern sie wurde zu einem neuen «Bedruckstoff». Digitalagenturen formieren sich und es entstehen Media-Agenturen, die genau dieses Medium beliefern. Screendesign ist heute nicht so nebenbei, sondern Big Business. Das hat auch Adobe gemerkt und seine Creative Suite durch eine zeitgemässe Cloudlösung ersetzt. Die Creative Cloud bietet alle Vorzüge der klassischen Layoutprogramme kombiniert mit den Stärken der Cloud. Cloud-Publishing ist ein genauso grosser Schritt wie damals der Wechsel von Satzsystemen zu Desktop-Publishing. Wer diesen Wechsel verpasst, sieht schon sehr bald sehr alt aus.

Die Druckindustrie im Umbruch?

Die Digitalisierung in Kombination mit den passenden Ausgabegeräten führte und führt dazu, dass mehr und mehr Druckereien eingehen. Ohne frische Konzepte ist es schwierig sich in einem Markt zu halten, der so stark standardisiert ist, dass jeder überall mit dem nötigen Know-how eine hohe Qualität zustande bringt. Optimistische Zeitgenossen reden von einer Branchenbereinigung oder einem Umbruch. Realisten und Visionäre reden von einem Zusammenbruch. Es wird ein natürliches Druckereiensterben geben, da der Markt schlicht nicht mehr soviel Dienstleister benötigt und auch Premedia-Anbieter werden ausgedünnt. Schon heute geht der Trend dazu über, dass die meisten Firmen ihre Grafiker, Polygrafen und Werber Inhouse beschäftigen. Das führt zu kürzeren Kommunikationswegen und spart Zeit und Geld.

Screendesign wird ernst genommen

Nachdem Screendesign lange stiefmütterlich behandelt wurde, hat man nun gemerkt, dass diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. Selbst der Verband der Druckindustrie (VISCOM) hat reagiert und mit dem «Swiss Interactive Media Designer (SIMD)» einen Beruf kreiert, der die Lücke zwischen Grafik/Layout und Screendesign schliesst. Während Polygrafen vermehrt auf die Druckmedien fokussiert werden (mit marginalem Wissen zu Screendesign) und Grafiker auf Konzepte und Kreation werden die «Media Designer» sich auf 2D/3D-Animationen, Video, Sound und interaktive Medien einschiessen. Es braucht keine grossen Visionäre, um vorherzusehen, was das langfristig für den Polygrafen bedeutet. Er wird zusammen mit den Druckereien massiv reduziert und marginalisiert werden.

So sieht VISCOM die neue Aufgabenteilung:

Digitalisierung

Ob die Wirtschaft das auch so sieht und für einen Aufgabenbereich (das Druckdatenaufbereiten) auch weiterhin einen Polygrafen beschäftigt, obwohl ein interessierter und versierter «Interactive Media Designer» diese Tasks ebenso übernehmen könnte, bleibt abzuwarten.

Meine Meinung: Konzept und Layout wird durch einen Grafiker ausgeführt, und da heute Druckdaten sowieso medienneutral Gehalten werden sollten, braucht es lediglich das Wissen über die verschiedenen Ausgabekanäle und wie man Daten dorthin separiert. Der Rest erledigt der Workflow. Dafür zwei gut bezahlte Fachleute anzustellen scheint mir wenig wirtschaftlich. Als Arbeitgeber werde ich mir also einen Polygrafen mit versierten Multimedia-Skills oder einen «Media Designer mit umfangreichen Druckvorstufen-Skills zulegen.

Druck wird (noch) nicht verschwinden

Selbstverständlich wird der klassische Druck noch nicht so schnell verschwinden. Er ist immer noch die eleganteste Weise, um schnell ein breites Publikum anzusprechen. Selbst Google setzt auf Druck-Erzeugnisse. Ohne weiterführende Onlineangebote sind aber auch die schönsten Druck-Erzeugnisse heute nur noch wenig wert.

In Zukunft wird sich der Markt bereinigen und es werden wohl nur Grossdruckereien überleben. Die Konsumation digitaler Medien wird weiter wachsen und mittel- bis langfristig wird es dem Druck wohl so ergehen wie der Schallplatte. Er wird ein Nischendasein fristen und nur noch von wahren Kennern und Liebhabern geschätzt werden. Persönlich schmerzt mich das nicht. Mein Fokus hat sich längst auf digital verschoben und seit Adobe mit der Acrobat Document Cloud auch die PDF-Geschichte ins Web verlagert hat, sehe ich kaum noch einen Anlass für analoges Papier (dass bei mir sowieso immer verlegt wird. Es lässt sich aber auch so schlecht vertaggen, indexieren und eine Volltextsuche durchführen).

Zuguterletzt kann ich nur eines sagen: Wir können die Zeit nicht stoppen aber mit ihr gehen und die Herausforderungen annehmen. Davon gibt es eine Menge in der nahen Zukunft.