ArbeitsweltPublishing

Haben Polygrafen Zukunft?

4 Min.
Christian Denzler | 15. November 2015

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Branche am Boden ist. Druckereien gehen am Laufmeter zu oder werden von grossen Konzernen wie TAMedia oder Ringier geschluckt. Produktionsfirmen kämpfen um jeden Kunden, während die Kunden immer mehr selber erledigen oder schlimmer noch outsourcen. Der Druck aus dem Ausland wird immer grösser und wir können kaum die Fachkräfte versorgen, die momentan auf dem Markt sind. Trotzdem werden weiter fleissig Polygrafen ausgebildet.

Stoppt den Wahnsinn!

Jedes Jahr werden alleine in Zürich zwischen 30 und 40 Polygrafen auf den Markt «losgelassen». Der Markt ist aber schon heute durch Quereinsteiger, das günstigere Ausland und einer Flut von Polygrafen (die in den 2000er-Jahren euphorisch ausgebildet wurden) überflutete und jede Fachkraft versucht sich, in dem immer kleiner werdenden Druckgeschäft zu behaupten. Wir haben also einen immer kleiner werdenden Markt und eine weiter steigende Anzahl an Fachkräften, die eigentlich gar nicht beschäftigt werden können. Dazu kommt, dass der Polygraf leider nicht mehr zeitgemäss ist. Digitale Medien lösen das Druckgeschäft immer mehr ab und wer sich nicht in HTML5, Skripte und Social Media einarbeitet, wird bald überflüssig werden. In dieser Situation weiter Polygrafen auszubilden und auf den Markt zu werfen ist schlicht und ergreifend verantwortungslos. Gegenüber dem Markt und vor allem gegenüber den jungen Menschen, denen Polygraf immer noch als zukunftsorientierter Beruf verkauft wird.

Arbeit für die Kreativen

Anhaltend Arbeit haben heute fast nur noch die Kreativagenturen oder Produktionsfirmen, die sich auf Schulung oder irgendeine Eigenheit spezialisiert haben. Screenagenturen und Werbefirmen mit entsprechenden Abteilungen bekommen auch ein Stück des neuen Kuchens ab. Der klassische Druck und die Druckvorstufe wird sicher (noch) nicht verschwinden. Jedoch wird sie immer mehr zu einem Nischenprodukt werden.

SIMD als Antwort?

VISCOM hat reagiert und mit dem Swiss Interactive Media Designer ein neues Berufsbild lanciert, dass die zukünftigen Herausforderungen ein wenig abfangen kann. Hier stellt sich aber noch die Herausforderung, dass praktisch noch niemand ihn wirklich ausbilden kann. Ausser beim SRF oder Goldbach Media finden sich kaum Lehrstellen. Auch gibt es keine brauchbare Weiterbildung um das nötige Know-how in den Firmen aufzubauen. Somit ist der Beruf momentan noch eine Baustelle, die es erst gilt aufzuräumen. Abgesehen davon soll er eher als Vermittler denn als Produzent dienen.

Abschliessend kann ich nur um eines bitten: Hört auf Polygrafen auszubilden.

Update | 4. Januar 2018

Polygraf/in EFZ kann eine gute Basis sein, um ins Publishing zu starten. Momentan wird das Berufsbild immer noch aktualisiert. Leider hinkt es aber immer etwa 10 Jahre hinter dem Markt her. Wer heute Polygraf lernt muss sich bewusst sein, dass es gleich nach dem QV (Qualifikationsverfahren) weiter geht mit der Ausbildung. Wissensarbeit, Digital-Kultur, Mobile und Voice sowie Multi-Channel-Publishing sind die neuen Kernkompetenzen in unserer Branche. Fokusiert sich ein Polygraf zukünftig auf diese Dinge, hat er durchaus noch eine Chance.


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