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Ist Safari der neue Internet Explorer?

11 Min.
Christian Denzler | 18. September 2017

Die Browserschlacht ist eine heftige und es haben sich ein paar Platzhirsche etabliert. Dahinter reihen sich Microsoft und Apple ein.

Apples Marktanteil bei Browsern ist weltweit zu vernachlässigen. Das hat mich anfangs September zu folgendem Facebook-Post bewegt:

In dem Text vom t3n-Blog geht es um einen Artikel von Nolan Lawson. Ein Entwickler, der eben diese Meinung vertritt. Danach habe ich mir wirklich Gedanken zu Safari gemacht und dazu, ob seine Aussage so stehen gelassen werden kann. Nach ein wenig Recherche und diversen Berichten im Netz kam ich zum Schluss: Nein kann sie nicht.

Die Aussage greift definitiv zu kurz. Hier nun eine Gegendarstellung und der Versuch, Apples Strategie hinter Safari und eigentlich hinter jedem ihrer Produkte zu erklären.

Meine Aussage basierte auf der Annahme, dass Apple Selbstgefällig wurde und den Browser schleifen lässt genau wie es Microsoft mit dem Explorer machte. Diese Aussage basierte ich darauf, dass Safari neue Netztechnologien wie «Service Worker», «Shadow DOM» und «Web Manifests» nicht implementiert hatte. Das mag auch der Grund sein, warum Apple meist bei Web-Konferenzen wie zum Beispiel EdgeConf fehlt.

Ist Safari der neue Internet Explorer? Es kommt auf den Blickwinkel an

Vom Standpunkt eines Web-Entwicklers aus, mag der Umstand, dass Apple sich nicht so schnell Richtung neue Web-Technologien bewegt, frustrierend sein. Es gibt aber auch eine andere Sicht der Dinge und diese Sicht scheint Apple zu teilen. Neben den Entwicklern gibt es auch noch eine andere Partei, die im Grunde viel wichtiger ist: die User. Apple konzentriert sich mehr auf die UE (User Experience) und die Usability als auf die neuesten Entwickler-Gadgets.

Ein weiterer Grund, warum Safari nicht der neue Internet Explorer ist, liegt auf der Hand. Der Explorer war nie bewusst selbstgefällig und träge. Er war ein lock-in. ActiveX wurde ursprünglich dafür entwickelt, die grössten Lücken des Explorers bezüglich Webtechnologien zu schliessen. Dadurch wurde es aber zu einer eigenen Plattform. Dieser Umstand ermöglichte eine grosse Dominanz im Web und ein Quasi-Monopol führt automatisch zu Trägheit. Als das Netz aufgeholt hatte und bessere und schlankere Konkurrenten in den Markt drängten, war Microsoft mehr damit beschäftigt, ihre Plattform zu erhalten und dafür zu sorgen, dass ihre riesige Benutzerbasis versorgt ist, als den IE effektiv weiter zu entwickeln und die UE zu verbessern. Das Selbe passierte übrigens auch Adobe mit Flash.

Apple macht hier genau das Gegenteil. Safari kommt vom offenen Web und wird auch dafür programmiert. Apple hat kein Interesse daran, aus Safari eine eigene Plattform zu machen. HTML5 ist seine Plattform. Wenn überhaupt so ist die Gefährdung bei Chrome und ChromeOS, eine IE-artige Plattform zu werden, um einiges grösser.

Safaris Wurzeln

Wir müssen uns nur an KHTML zurückerinnern um zu sehen, wo die Wurzeln von WebKit, die Technologie, die Safari zugrunde liegt, liegen und was WebKit zum Web und vor allem zum offenen mobilen Web beigetragen hat. Vor dem WebKit schmachtete das mobile Web in der WAP-, IE-Pocket und Blazer-Hölle.

Was viele Analytiker heute als selbstgefällig bezeichnen ist eher eine Evolution der Perspektive. Safari hat mit WebKit die Schlacht um die beste Webtechnologie gewonnen. Momentan kämpfen sie um bessere Sicherheit, Privatsphäre und bessere Leistung (inklusive Energieeffizienz).

Das alles ist nicht neu. Die Kultur der «Nichtrückschritte» ist tief im WebKit- und Safari-Team verwurzelt und das seit der Gründung. Sie bewegen sich lediglich vom rein Technischen hin zu eher benutzerfreundlichen Features.

Apple investiert immer noch in Technologie

Sie haben Level 4 LLVM eingeführt und WebGL implementiert. Nebenbei haben sie aber auch in Features investiert, die dem Endnutzer weitaus mehr Nutzen bringen:

  • iCloud-Schüsselbund
  • Safari Erweiterungen
  • Safari View Controller und ein
  • Contentblocker

Apple implementiert diese Features so, dass Safari nicht den ganzen Akku leer saugt. Die eingangs erwähnten Technologien werden vor allem mit dem Ziel entwickelt, um Web-Apps mehr wie native Apps aussehen zu lassen. Apple betreibt beides und zeigte schon in der Vergangenheit, dass sie wissen, welche Form man für was einsetzen sollte.

Vor einigen Jahren diskutierte Apple darüber, ob Webtechnologie oder native Technologie, die Oberfläche für das neue iPhone werden sollte. Apple entschied sich für Nativ und die Webtechnologie wurde beim Palm webOS verwendet, dass performance-mässig nie mit dem iPhone mithalten konnte. WebKit und Safari findet heute keine Verwendung bei der Apple Watch.

Das ist kein Seitenhieb sondern ein grundlegendes Verständnis der Zusammenhänge. Das Internet ist unglaublich flexibel und dynamisch, aber momentan noch nicht schnell und flexibel genug (vor allem auf Mobile). Apple wie auch Facebook verschwenden keine Zeit damit Entwickler bezogene «Wunschfeatures» zu entwickeln. Sie reissen sich die Ärsche auf um die Features schneller zu machen und Nativ wo es nicht gelingt (siehe TextKit/Apple oder Instant Articles/Facebook).

Und wieder der Blickwinkel

Entwickler die «web-only» arbeiten tendieren dazu, alles fokusiert aufs Web anzuschauen. Daran ist erstmal auch nichts falsch aber die Perspektiven und Prioritäten können von denen von Apple abweichen.

Es wird immer jene geben, die die Crossplatformen für Entwickler einfacher machen wollen. Sei es durch Web-Apps mit einem nativen Feeling oder durch bessere Cross-Compilers und Interpreter. Es wird aber auch immer die geben, die ihre Plattform so benutzerfreundlich wie möglich machen wollen. Auch wenn das mehr oder andere Arbeit für Entwickler bedeutet.

Apple lässt Safari nicht mehr schleifen als andere Browseranbieter ihre Zeit damit «vergeuden» Features in ihre Browser einzubauen, die durch native Apps längst besser und schneller ausgeführt werden können. Sie haben sich lediglich dazu entschieden ihr Geld in eine andere Richtung einzusetzen als der Rest.

Das WebKit- und Safari-Team sitzt nicht in Cupertino herum und falzt Papierflieger, weil sie denken, dass es keine weitere Browserwelt zu erobern gibt, Sie erobern einfach andere Browserwelten als ihre Konkurrenten.

Abschliessend kann man sagen: Nein der Safari ist nicht der neue Internet Explorer, er ist aber auch nicht so fancy wie Chrome oder Firefox. Er befriedigt die Ansprüche vom 0815-User und bietet, was man braucht, wenn man nicht entwickelt. Mir Persönlich ist er auch zu wenig flexibel.

Die wichtigsten Begriffe aus dem Artikel «Ist Safari der neue Internet Explorer?» kurz erklärt

Service Worker kümmert sich um Hintergrundaufgaben im Browser. Er sorgt dafür, dass der Browser Notifikationen senden kann, dass er sich synchronisieren kann usw.

Shadow DOM ist ein Entwurf für einen Webstandard des World Wide Web Consortiums (W3C), welcher von Google im Rahmen der WHATWG vorgeschlagen wurde. Es wird dafür eingesetzt um wiederverwendbare Komponenten zu erstellen, welche in HTML5-basierten Webseiten eingebunden werden können.

Manifests sind zentralisierte Metadatenspeicher für Web-Apps.

ActiveX ist ein Satz von Technologien und Tools für objektorientierte Programmierung (OOP), die Microsoft für den Internet Explorer entwickelt hat, um Rich-Media-Wiedergabe zu erleichtern. Im Wesentlichen verwendet der Internet Explorer die ActiveX-Technologie, um andere Anwendungen in den Browser zu laden.

KHTML ist eine freie HTML-Rendering-Engine, die vom KDE-Projekt entwickelt wurde. Sie wird vorrangig in Webbrowsern wie Konqueror eingesetzt und diente als Grundlage für WebKit. KHTML ist in C++ geschrieben und unterliegt der GNU Lesser General Public License (LGPL). KHTML bestand als erste Rendering-Engine ab Version 3.5 den Acid2-Test, der für eine korrekte Darstellung sowohl höchste Standardkonformität als auch korrekten Umgang mit fehlerhaftem HTML- und CSS-Code erfordert.

KDE ist eine Community, die sich der Entwicklung freier Software verschrieben hat.

WAP ist kurz für «wireless application protocol»; eine Technik, mit der es möglich ist, Informationen aus dem Internet mit einem Handy abzurufen.

Der Pocket Internet Explorer (PIE) ist ein mit Windows Mobile (auf Windows CE basierend) mitgelieferter Webbrowser, der die Darstellung von Webseiten auf PDAs und Smartphones mit diesem Betriebssystem ermöglichte.

Blazer ist der Web-Browser vom Palm OS.

LLVM (früher Low Level Virtual Machine) ist eine modulare Compiler-Unterbau-Architektur mit einem virtuellen Befehlssatz, einer virtuellen Maschine, die einen Hauptprozessor virtualisiert, und einem übergreifend optimierenden Übersetzungskonzept.

WebGL basiert auf OpenGL ES (Version 2.0) im Zusammenspiel mit der Programmiersprache JavaScript, die von der Khronos Group und Mozilla als lizenzfreier Standard entwickelt wird.

TextKit verwaltet die Textspeicherung und führen benutzerdefinierte Layouts von textbasierten Inhalten in der Ansicht der App aus.

Instant Articles bietet Facebook Publishern die Möglichkeit, Inhalte direkt auf Facebook zu hosten.

Update | 23. Februar 2018

Zwischenzeitlich hat Apple bestätigt, dass sie ab dem nächsten grossen iOS-Release (11.3) im Safari Service Worker und Manifeste unterstützen werden.


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