Publishing

Another brick in the wall – Publishing now and then!

7 Min.

Die Druckindustrie ist in der Krise. Zum einen, weil die Wirtschaft am Boden ist und zum anderen sabotiert sie sich im Moment häufig selber. Das Hauptproblem dabei erklärt sich in meinem ersten Satz denn: «Die Druckindustrie», gibt es nicht mehr.

Wer nun ab dieser Aussage laut aufschreit, dem sage ich Folgendes: Unsere Branche steht am Scheideweg. Wir stehen am gleichen Punkt wie vor vielen Jahren, als die traditionellen Satzsysteme durchs Desktop-Publishing abgelöst wurden. Von der Zentralisierung ging man Richtung lokaler Individualisierung. Nach anfänglicher Skepsis musste man sich für einen Weg entscheiden. Ging man damals den alten Weg weiter, bezahlte man das später doppelt.

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Alter Pagemaker von Fichiers. Können/wollen Sie darauf noch arbeiten?

Der Handwerker und das Desktop-Publishing

Danach begannen die goldigen Jahre, wo es unserer Industrie gut ging und wir Millionen solide Handwerker ausbildeten. Wir hatten Lithografen, Typografen, Drucktechnologen, Reprofotografen usw. Diese Handwerker beherrschten ihre Werkzeuge und stellten damit ihre Produkte her. Wir produzierten und konnten unsere Ergebnisse am Ende geniessen. Wir waren zufrieden und arbeiteten unsere 8 Stunden pro Tag.

Und dann kam das Internet. Mit ihm viele Neuerungen und Herausforderungen. Wir können wohl mit Recht behaupten, dass wir heute ohne Internet nicht mehr existenzfähig wären (weder als Firma noch als Privatperson). Wir haben es im Daily Business auch langsam im Griff und gerade als wir wieder entspannt unserem Handwerk nachgehen wollten ging der nächste Ruck durch die Premedialandschaft. Wolken erschienen am Horizont. Wolken, mit denen wir uns bald stark beschäftigen mussten.

Die Cloud

Die Cloud brachte viele Vorteile und Annehmlichkeiten mit sich. Nun hatten wir unsere Daten immer im Zugriff. Das Austauschen selbiger war ebenfalls noch nie so einfach und ohne Cloud hätten wir kein bisschen Smart in unserem Phone. Adresssynchronisierung, Siri, WhatsApp usw. sind alles Clouddienste. Die Cloud veränderte aber auch die Art, wie wir in unserem Alltag agieren. Als Beispiel: Ich schreibe diesen Text gerade in Evernote auf meinem iPhone und werde ihn zuhause vervollständigen und evtl. später im Büro in einer Pause oder über den Mittag redigieren bevor ich ihn über WordPress online stelle. Bis zu dem Zeitpunkt werde ich 3 Geräte zur Herstellung dieses Textes verwendet haben, was aber gar keine Rolle spielt denn: Das Gerät rückt in den Hintergrund dank der Cloud. Meine Inhalte habe ich überall dabei. Wenn wir unsere Sorgen betreffend Datenschutz (welchen Datenschutz?) überwunden haben, lässt es sich ohne Cloud kaum noch leben.

In unserem Privatleben haben wir das dann auch bereitwillig angenommen. Wir haben die Individualität (sprich unser lokales Arbeitsgerät) mit der Zentralisierung der Daten und je nachdem Software (Cloud) kombiniert.

Dass sich diese Art zu arbeiten irgendwann auch im professionellen Umfeld etabliert war eine Frage der Zeit. Adobe hat mit seiner Creative Cloud auf die Entwicklung reagiert und führt uns damit wieder an einen Scheideweg. Setzen wir auf die (Creative) Cloud oder gehen wir weiter mit den «alten» Satzsystemen. Indem Fall werden wir, jetzt weiter Geld in CS-Versionen investieren und dann ruckartig auf CC (CreativeCloud) umstellen müssen, wenn die Industrie reagiert. Wir geben also zweimal Geld aus.

Vom Handwerker zum Wissensarbeiter

Die Cloud ist die logische Weiterführung, und wenn man so will, das Zusammenführen der alten Satzsysteme (Zentralisierung) und dem gängigen Desktop-Publishing (Individualisierung). Dieser Wandel zwingt uns aber auch auf dem Laufenden zu bleiben und Problemstellungen durch Aneignung von neuem Wissen zu lösen.

«Ein Wissensarbeiter muss sich zuerst neues Wissen aneignen, bevor er seine nächste Aufgabe lösen kann». – Haeme Ulrich (Publishing-Profi und Visionär)

Der typische Handwerker, der von 8 bis 17 Uhr seine Arbeit erledigt, gibt es nicht mehr oder besser gesagt: Darf es nicht mehr geben. Ein kluger Mann sagte einmal: «Publishing ist längst IT geworden. Also müssen wir uns auch benehmen wie IT». Was heutige IT-Unternehmen erfolgreich macht, sind nicht solide Handwerker, sondern gepflegte Wissensarbeiter.

Folgende Punkte sind bezeichnend für einen Wissensarbeiter:

  • Ständige Weiterbildung während der Arbeitszeit ist normal
  • Mitarbeiter interessieren sich auch nach 17 Uhr für ihr Thema
  • Die Hierarchie im Team ist bewusst flach gehalten
  • Wissenstransfer ist Alltag
  • Wissensarbeiter verfügen über eine extrem hohe Informationskompetenz

Die Kultur der Wissensarbeiter muss sich bei uns ebenso etablieren wie es das in der IT-Branche schon getan hat. Somit verändert sich auch das Arbeiten. Wir arbeiten nicht mehr einfach unsere Stunden ab und dann ist gut, sondern wir Leben unsere Arbeit.

Vorteile und Risiken

Die Vorteile liegen auf der Hand: schnelle Reaktion auf Branchenveränderungen und Kundenwünsche, steter Transfer von Know-how, flache Hierarchie und selbstständiges Personal. Gefährlich kann werden, dass wir eine andere Wahrnehmung unserer Arbeit und Freizeit entwickeln müssen. Es darf uns nicht belasten, auch in unserer Freizeit mit unserer Arbeit oder dem Inhalt unserer Arbeit konfrontiert zu werden. Gleichzeitig müssen wir es schaffen, uns klar auch abzugrenzen. Wenn wir uns erholen, dann erholen wir uns. Dieses flexible Zeitmanagement und das Verschmelzen von Arbeits- und Freizeit dürfte so manchen überfordern. Vor allem wenn er oder sie sich seit Jahren an andere Strukturen gewöhnt hat.

Die Premedialandschaft muss sich verändern um zu überleben. Ob und wie man sich als Firma in Zukunft behaupten kann, hängt stark davon ab, wie weit man die Entwicklung mitmachen kann oder will. Die Zukunft wird es zeigen und es bleibt spannend.

Was im Moment geschieht, ist keine Revolution, sondern eine Evolution und sie ist noch lange nicht abgeschlossen.